Diese Aufsatzsammlung analysiert die Darstellung und Diskussion von Flucht und Migration in der australischen Presse der späten 1930er Jahre. Im Zentrum steht die Frage, wie Presseberichte zur Konstruktion von Fremdheit, Zugehörigkeit und nationaler Identität beitrugen, insbesondere im Kontext globaler Fluchtbewegungen aus dem nationalsozialistischen Europa. Die Blogbeiträge untersuchen anhand diskursanalytischer Methoden, welche Narrative – etwa Bedrohung, Überfremdung, ökonomische Belastung oder Humanität – in führenden australischen Zeitungen reproduziert und verhandelt wurden. Besonderes Augenmerk gilt dabei der restriktiven „White Australia Policy“ und der grundlegenden Prägung nationaler Identität durch Medienrhetorik. Die unterschiedlichen Beiträge nehmen spezifische Fallbeispiele in den Blick, darunter die Berichterstattung über die Évian-Konferenz, die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge, die Darstellung unbegleiteter Migrant:innen und die spezifischen Narrative zu einzelnen Gruppen oder Ereignissen. Ebenso werden die Wechselwirkungen von Politik, Presse und Öffentlichkeit sowie die Spielräume für solidarische oder ausgrenzende Diskurse beleuchtet. Methodisch basiert das Projekt auf der Auswertung digitalisierter Zeitungsquellen und einer multiperspektivischen Herangehensweise im Rahmen eines universitären Lehrprojekts. Insgesamt verdeutlicht die Beiträge die historische Verwobenheit von medialen Diskursen, migrationspolitischer Praxis und gesellschaftlicher Identitätsbildung, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Medienanalyse – Konferenz von Évian:
Die Berichterstattung über die Konferenz von Évian in den australischen Tageszeitungen „The Age“ und „The Argus“ und ihre Auswirkungen auf die offizielle Einwanderungspolitik im Jahr 1938
Mathias Weiß, Bastian Langthaler
Einleitung
Im Zuge der sogenannten „Europäischen Flüchtlingskrise“ in den Jahren 2015/2016 tauchte die „Australische Flüchtlingspolitik“ wieder verstärkt in europäischen politischen Debatten auf. Sie wird häufig als Beispiel für eine erfolgreiche Abschreckungspolitik herangezogen, die es auch in Europa umzusetzen gelte. Diese Migrationspolitik lässt grundsätzlich keine „Bootsflüchtlinge“ ohne Visum ins Land, in der Regel werden auch heute nur über Kontingente Flüchtlinge in Australien aufgenommen. Befürworter:innen dieser Politik betonen, dass durch diese strikte Maßnahme die Migrationsströme in geordnete Bahnen gelenkt werden und die jeweiligen Staaten durch die Aufnahme von Kontingenten die Kontrolle über die Migration behalten[1]. Kritiker:innen dieser Politik weisen darauf hin, dass Australien nur aufgrund seiner geographischen Lage diese Form der Migrationspolitik betreiben kann und damit in Kauf nimmt, dass universelle Menschenrechte verletzt werden[2]. Bis heute verfügt Australien im Gegensatz zu den Staaten der Europäischen Union über keine „Bill of Rights“ [3], die allen Menschen einen universellen Zugang zu den Menschenrechten ermöglicht.
Die Frage, wie Australien in der Vergangenheit auf Migrationsströme reagiere und ob das Land Flüchtlingskontingente aufnahm, ist für das Verständnis der heutigen Migrationspolitik nicht unerheblich. Gerade der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, dass auch vom europäischen Kontinent wieder Fluchtbewegungen ausgehen können, die auch geografisch weit entfernte Staaten zum Handeln zwingen.
Werden im Extremfall die Grenzen geschlossen oder ist man bereit, größere Kontingente von Flüchtlingen aufzunehmen? Wie reagiert die Öffentlichkeit, die eine freie Presse und demokratische Wahlen kennt, auf Flucht und Vertreibung in anderen, fernen, aber kulturell nahen Ländern?
All diese Fragen stellten sich auch in Australien in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, als in Europa ab 1933 mit der Etablierung des nationalsozialistischen Regimes im Deutschen Reich Jüdinnen und Juden aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurden.
Mit dem „Anschluss“ Österreichs im Frühjahr 1938 nahmen die Fluchtbewegungen von Jüdinnen und Juden aus Deutschland und Österreich erheblich zu[4]. Die Europäischen Staaten waren nicht mehr allein von dieser Flüchtlingsbewegung betroffen[5]. Noch im selben Jahr wurde auf Betreiben der Vereinigten Staaten von Amerika die Konferenz von Evian einberufen, eine Flüchtlingskonferenz am französischen Ufer des Genfer Sees. Auf dieser Konferenz, an der auch Australien teilnahm, wurde um eine internationale Lösung für die jüdischen Flüchtlinge in Europa gerungen.
Diese vorliegende Arbeit untersucht die Berichterstattung über die Konferenz von Évian im Juli 1938 anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse zweier Zeitungen aus dem australischen Melbourne. Die Recherche deckt den Zeitraum unmittelbar vor der Konferenz im Juli 1938 bis November 1938 ab. Insgesamt konnten in den Zeitungen 15 Artikel identifiziert werden, welche explizit oder implizit über die Konferenz in Évian sowie deren Konsequenzen berichteten. Die dementsprechende Forschungsfrage lautet:
Wie wurde in den australischen Tageszeitungen The Age und The Argus über die Konferenz von Évian und die damit verbundene offizielle Einwanderungspolitik Australiens im Jahr 1938 berichtet?
1938 kann nicht mit der Gegenwart gleichgesetzt werden, auch nicht mit der heutigen australischen Einwanderungspolitik. Die Arbeit versucht jedoch Antworten auf die Frage zu finden, ob es 1938 eine Bereitschaft gab, größere Kontingente von Flüchtlingen in Australien aufzunehmen. Wurde die offizielle Politik Australiens begrüßt oder gab es Widersprüche? Welche Argumentationsmuster verwendeten beteiligte Personen? Und gab es Verständnis für die Flucht von Verfolgten aus dem nationalsozialistischen Machtbereich?
1. Australien und die Konferenz von Évian
Für das bessere Verständnis der Untersuchung soll die Migrationspolitik Australiens von der Staatsgründung (1901) bis nach dem zweiten Weltkrieg, sowie die Konferenz von Évian an sich kurz erörtert werden.
1.1 Die Konferenz von Évian
Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs and Hitlerdeutschland lud der amerikanische Außenminister Cordell Hull zu einer Flüchtlingskonferenz ein[6], die vom 6. bis 15. Juli in Évian-les-Bains stattfand. Die Vereinigten Staaten, die sich auch aus innenpolitischen Gründen[7] – Stichwort: restriktive Einwanderungspolitik – zum Handeln gezwungen sahen, erkannten in dieser Konferenz einen möglichen Ausweg aus der sich zuspitzenden Migrationsproblematik.
Vor allem der Artikel der amerikanischen Schriftstellerin und Journalisten Dorothy Thompson „Refuguees: A World Problem“ für das Magazin Foreign Affairs, lenkte die Aufmerksamkeit auf das Flüchtlingsproblem[8], indem sie die Flüchtlingsfrage zu einer „Bedrohung des Friedens und damit zu einem Weltproblem“ erklärte[9].
Neben den Delegierten aus verschiedenen Staaten wurden auch zahlreiche Delegierte von Nichtregierungsorganisationen zur Konferenz eingeladen. Australien nahm als Dominion an der Konferenz teil, um seine Eigenständigkeit als Nation demonstrieren zu können[10]. Australien wurde durch den Handelsminister und Oberstleutnant Thomas Walter White vertreten, der mit seiner Delegation jedoch bereits am 9. Juli abreiste. Damit zeigte Australien in gewisser Weise Desinteresse an der Konferenz von Évian[11]. Insgesamt endete die Konferenz ziemlich ergebnislos[12], da es zu keinen größeren Veränderungen in der Einwanderungspolitik der einzelnen Länder kam[13].

1.2. Die Australische Migrationspolitik zwischen 1901 und 1947
Bereits bei der Staatsgründung 1901 verfolgte Australien eine sehr restriktive Einwanderungspolitik, die unter dem Begriff der „White Australia Policy“ bekannt wurde. Diese rassistisch geprägte Migrationspolitik schränkte die Einwanderung von Menschen außerhalb der Britischen Inseln nach Australien erheblich ein[14] – dies betraf nicht nur Migrant:innen und Migranten aus Asien, sondern auch vom europäischen Kontinent. „Whiteness“ wurde dabei nicht konkret definiert, sondern galt als verhandelbar. Somit konnte die australische Migrationspolitik sehr selektiv ausgelegt werden und mögliche Zuwandernde anhand ihres Besitzes oder ihrer Fähigkeiten individuell ablehnen oder zur Einreise zulassen.[15] Die Auswirkungen waren enorm und auch demografisch sichtbar: 1947 waren nur 2,7 % der australischen Bevölkerung außerhalb Australiens, des Vereinigten Königreichs und Irlands geboren[16]. Diese Daten zeigen, dass Australien auch vor und während des zweiten Weltkrieges für Menschen außerhalb der britischen Inseln weitestgehend geschlossen blieb. Unter dem Eindruck der extrem antisemitischen und rassistischen Politik der Nationalsozialisten änderte Australien seine Einwanderungspolitik bis Ende 1938 nur geringfügig.[17] So waren weiterhin Bürgschaften naher Verwandter oder anderer Staatsangehöriger, oder die Einfuhr größerer Geldbeträge („landing money“) erforderlich. Bis 1936 mussten Migrant:innen 500 Pfund bei der Einreise bezahlen, danach wurde dieser Betrag auf 200 Pfund gesenkt. Da die Migration 1939 allerdings besonders anstieg, wurden erneut 500 Pfund von Einwandernden verlangt.[18]

Diese harte Haltung wurde auf der Konferenz von Évian sichtbar: so unterschied der australische Delegierte, Oberstleutnant Thomas Walter White, in seinen Beiträgen die Zuwanderergruppen in solche, die aus Großbritannien auswanderten, und solche, die aus anderen europäischen Staaten kamen[19], und verteidigte somit in seinen Beiträgen die australische Einwanderungspraxis der „White Australia Policy“. Oberstleutnant White kannte die Situation der Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich, wie er selbst in seiner Rede in Évian am 7. Juli 1938 erwähnte[20]. Dennoch verteidigte er die rassistische australische Politik mit dem Argument, dass eine größere nicht-britische Einwanderung zu Rassenproblemen führen würde[21]. Er sah die Lösung des Problems bei anderen Staaten und ermutigte diese „neue gemeinsame Pläne zur Lösung eines tragischen Problems zu entwickeln“[22]. Erst nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich die Einwanderungspolitik Australiens erheblich.
2. Zeitungsanalyse
2.1 The Age
The Age ist eine führende australische Zeitung, die seit 1853 in Melbourne erscheint. In den 1930er Jahren versuchte The Age einen Mittelweg zwischen den beiden Großparteien der Liberalen und Labor zu finden, und kann daher als moderat eingestuft werden.[23] Sie ist für ihre Genauigkeit und den seriösen Ton ihrer Berichterstattung bekannt.[24]
Im Jahr 1938 wurde aufgrund der technischen Möglichkeiten erst am nächsten Tag über Ereignisse in Europa berichtet, da die Informationen nur über Umwege, in diesem Fall aus London, nach Melbourne gelangten. In vielen Fällen wurde auf Berichte der britischen Times zurückgegriffen.
The Age berichtete bereits kurz vor der Konferenz am 3. Juli erstmals über das Treffen zur jüdischen Flüchtlingsproblematik in Europa. Unter anderem wird erwähnt, dass Handelsminister White an der Konferenz teilnehmen wird. Der erste kurze Bericht gibt zwei wichtige Hinweise auf die australische Flüchtlingspolitik: “One of the main proposals is that Germany should permit exiles to take out of the country additional capital to enable them to qualify for migration to the Dominions and other countries”[25]. Mit diesem Satz erinnert dieser Artikel daran, dass Australien an der Einwanderungspraxis, hohe Geldsummen mitführen zu müssen, festhalten will. Auch wird auf andere Staaten in diesem Artikel verwiesen: „also it is hoped the United States will relax its immigration quota restrictions, whereby it could accept mor refugees”. Nicht Australien, sondern die USA, die zur Konferenz eingeladen haben, sollen die Flüchtlinge aufnehmen[26].
Bereits am 9. Juli berichtete The Age über die Rede des Handelsministers White, die am 7. Juli auf der Konferenz in Évian gehalten hatte[27]. Der Artikel enthält keine Kritik an seiner Rede, sondern relativiert sie durch Verweise auf Redner aus anderen Staaten, die selbst von den Schwierigkeiten der Migration sprachen. [28] Diese Relativierungen bringen die australische Migrationspolitik, die laut Handelsminister White keine Rassenprobleme importieren will, in Einklang mit anderen Staaten wie Kanada, Argentinien und Brasilien.
Am 11. Juli erscheint ein Artikel aus der NS-Zeitung “Völkischer Beobachter”, in dem der führende NS-Ideologe Alfred Rosenberg zitiert wird: “He says the Reich is determined to root out Jews, and that other countries are bound to follow. Therefore, the world would ultimately be confronted with 6,000,000 or 7,000,000 refugees” [29]. Leser:innen werden durch diesen Bericht über die ernste Lage der Jüdinnen und Juden in Europa informiert, denn im Sommer 1938 lebten im Einflussbereich der Nationalsozialisten noch keine sieben Millionen Menschen, die als Juden galten.
In den Zeitungsartikeln wurde auch die Hoffnung geweckt, dass in London eine Kommission gebildet werden würde, die sich um die jüdischen Flüchtlinge kümmern sollte[30]. Die Ergebnisse der Konferenz, die keine finanziellen Verpflichtungen für die Staaten mit sich brachten, wurden nicht kritisiert[31].
Es ist anzumerken, dass es während der Konferenz nur wenige Artikel über Évian gab. Man kannte die Situation in Europa, forderte aber keine Änderung der australischen Migrationspolitik im Hinblick auf die Situation der Jüdinnen und Juden in Europa. In späteren Zeitungsartikeln, wie dem vom 5. September 1938, hieß es, die Konferenz von Évian sei „tragisch unzulänglich“ gewesen[32].
Am 14. Oktober erschien ein Zeitungsartikel, der die Ambivalenz der Zeitung, aber auch der australischen Migrationspolitik widerspiegelt. Man ging auf die Aufrufe zur weiteren Aufnahme jüdischer Flüchtlinge ein, sah auch die Lage der jüdischen Flüchtlinge in Europa und zeigte ein gewisses Mitgefühl, verwies aber auf die Äußerungen des Handelsministers White auf der Konferenz von Évian:
“In somewhat similar terms the Minister of Customs, representing this country at the International Conference on the subject held at Evian last July, outlined Australia’s policy. Australia, he said, had included the refugees on a pro rata basis with any other country. But we had no racial problems, and were not desirous of Importing one by encouraging a large-scale foreign migration. The plight of these refugees arouses the Australian people’s humanitarian impulses. Prudence, however, must be exercised, since it is possible that by action taken, to relieve the, immediate distresses of refugees serious future problems might be created for Australians themselves”[33].
Der Artikel endete jedoch mit einem bemerkenswerten Satz: “Certainly the cardinal elements of the problem should not be lost to sight in a maze of perfectly sincere sympathy with the Jewish refugee”[34].
Auf der einen Seite wurde die Politik der rassistischen „Australian White Policy“ beibehalten und nicht kritisiert, wie dieser Meinungsartikel in The Age deutlich zeigt. Die Zeitung war jedoch nicht antisemitisch, ein generelles Problem des „jüdischen Flüchtlings“ ist in den Artikeln nicht erkennbar. Antisemitische Narrative werden nicht reproduziert, die allgemeine Sorge vor „zu viel Migration“ wird geteilt.
2.2 The Argus
The Argus erscheint in Melbourne seit 1846 und galt ursprünglich als liberale Tageszeitung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts änderte sich allerdings die Führung und Leserschaft der Zeitung hin zu einem bürgerlich konservativem Milieu.[35]
Kurz nach Beginn der Flüchtlingskonferenz berichtet The Argus erstmals am 8. Juli 1938 über das Zusammentreffen der 32 Länder in Évian. Die Nachricht beinhaltet die dort anfänglich diskutierte Möglichkeit, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland in der britischen Kolonie Ostafrika anzusiedeln, sowie eine Erhöhung der Aufnahmequote für jüdische Flüchtlinge von US-amerikanischer Seite. Die Forderung an Deutschland, Jüdinnen und Juden bei der Flucht ein gewisses finanzielles Kapital mitnehmen zu lassen, steht ebenfalls im Vordergrund der Berichterstattung[36], was wiederum das Interesse der teilnehmenden Nationen widerspiegelt. Bereits im Vorfeld der Konferenz war vielen Teilnehmernationen klar, dass die Zusammenkunft keine umfassende Abkehr von den existierenden Migrationspraktiken bedeuten würde.[37] Die australische Delegation bzw. deren Haltung wird in dieser ersten Berichterstattung nicht erwähnt.
Dieselbe Ausgabe des Argus vom 8. Juli beinhaltet einen Bericht über die Rede des jüdisch-australischen Politikers Harold Cohen, welcher angesichts der steigenden Einreiseanträge von jüdischen Flüchtenden aus Deutschland und Österreich sich für deren Aufnahme und Fähigkeit „good soldiers and real Australians“[38] zu werden ausspricht. Wie Paul Bartrop hervorhebt, waren solche hoffnungsvollen Äußerungen in Antizipation an die Ergebnisse der Konferenz in Évian allerdings selten.[39]
Bereits einen Tag später, am 9. Juli 1938, berichtete The Argus von der Rede des australischen Delegierten Thomas White, in der er die Aufnahme von jüdischen Flüchtenden aus Österreich und Deutschland kategorisch ablehnte. Der Artikel zitiert White dabei ausführlich, wie er angesichts der Verfügbarkeit von britischen Migrant:innen jegliche nicht-britische Migration ausschloss. Dabei spiegeln seine Aussagen wie „man-power from the source whence the majority of citizens have sprung“[40] und „we have no racial problem and do no desire to import one”[41] in mehrfacher Hinsicht die rassistische White Australia Policy klar wider. Obwohl auch darüber berichtet wird, dass die Australian Jewish Welfare Society (AJWS) bereits einige Flüchtende aus Österreich und Deutschland bei der Einreise unterstützte, machen die Ausführungen von White klar, dass diese Migration so gering wie möglich gehalten werden sollte.
Zusätzlich dazu beinhaltet diese Ausgabe des Argus vom 9. Juli einen Bericht über die Migrationspläne der australischen Regierung zur Steigerung der Bevölkerung. Dementsprechend würden vor allem Jüdinnen und Juden auf strenge Kriterien geprüft werden, um Einwander:innen „of the right type“[42] zu gewährleisten.

Diese anfänglichen Berichte über die Flüchtlingskonferenz in Évian sowie deren Implikationen für Australien zeigen, dass der Leserschaft des Argus ein gewisses Sicherheitsgefühl vermittelt werden sollte. Entsprechend der Berichterstattung würde es trotz der Konferenz in Évian und steigenden Einreiseanträgen aus Europe keine Veränderungen in der Migrationspolitik geben. Die Bevölkerung sollte weiterhin homogen, also weiß und britischen Ursprungs bleiben.
Kurz vor Ende der Konferenz berichtet The Argus am 12. Juli 1938 über das Vorhaben, ein internationales Komitee bezüglich der Flüchtlingssituation in Europa einzuberufen. Dieses soll das Ziel, jüdischen Flüchtenden ein gewisses finanziellen Kapital zu ermöglichen, weiter verfolgen. Dieses Anliegen der in Évian versammelten Nationen, wird damit als einziges Konkretes Ergebnis der Konferenz dargestellt.[43]
Dies wird in einem am 18. Juli veröffentlichten Kommentar ähnlich kommuniziert. Demnach wird die Errichtung des Intergovernmental Committee on Refugees (ICR) als einziges konkretes Ergebnis der Konferenz bezeichnet. Die kommentierende Person ist der Meinung, dass nach den Ergebnissen von Évian kein Platz für jüdische Flüchtlinge in Europa wäre. Somit könnten Jüdinnen und Juden nur in britischen und französischen Kolonien angesiedelt werden. Dies würde auf längere Sicht in Sinne der von den europäischen Demokratien und Amerika betriebenen “Appeasement” Politik sein: „it follows from this that when the time comes, and it may be soon, to discuss the question of giving Germany colonial territory, those colonies which have become the new homes of her rejects will have to be withheld from her choice. So that her anti-Semitic tyranny may prove to be a two-edged sword.”[44] Somit werden Jüdinnen und Juden aus Österreich und Deutschland als taktische Spielfiguren im zurückhaltenden Umgang der USA, Großbritanniens und Frankreichs mit Hitlerdeutschland verstanden.
Am 5. August berichtet The Argus ebenfalls über Notwendigkeit der Arbeit des in Évian etablierten Komitees angesichts der Zustände in Europa. Die Zeitung nimmt hier erstmals einen offensichtlich warnenden Ton ein, da durch die unorganisierte Flüchtlingssituation nicht nur Europa, sondern auch die globale Lage beträchtlich beeinflussen vermöge. Hierbei wird ebenfalls die katastrophale Situation von politischen Flüchtlingen innerhalb Europas angesprochen, wobei diese Opfergruppe nicht weiter beschrieben, und keine konkrete Täter:innen genannt werden.[45] Die Konferenz von Évian wird hier als Initiative des Versuchs gesehen, die Ausreise der betroffenen Gruppen übersichtlich und organisiert voranzutreiben.
Diese Veranschaulichungen werden durch einen Kommentar derselben Ausgabe vom 5. August noch weiters verstärkt. Die kommentierende Person beschriebt darin Foltervorlieben des Nationalsozialisten Julius Streicher und betont in Hinblick auf die Etablierung des ICR dessen Notwendigkeit bei der Unterstützung von jüdischen Flüchtenden aus Deutschland und Österreich. Der Fokus liegt dabei auf einer möglichst humanen Ausreise, obwohl die Frage möglicher Aufnahmestaaten nicht adressiert wurde.[46]
Knapp einen Monat später, am 3. September 1938, erscheint ein Bericht des amerikanischen Journalisten Karl von Wiegand, in welchem er über Fluchtbewegung von Jüdinnen und Juden angesichts der Verfolgung von Hitler und Mussolini spricht. Der ausführliche Artikel kritisiert dabei auch explizit die Konferenz von Évian und die Politik der teilnehmenden Nationen: „The cry and slogan of the recent Evian Conference, ‚Open the Gates‘ brought only a mournful echo. No gates were opened.“[47] Er kritisiert weiters die ablehnende Haltung der USA, ihre Einwanderungsquote für jüdische Flüchtlinge nicht zu erhöhen. Obwohl der Artikel die Politik Australiens nicht explizit anspricht, rüttelt dieser erstmalig an der positiven Darstellung der Konferenz in der Zeitung. In keinem der vorangegangenen Beiträgen wurde deren Untätigkeit angesichts der dramatischen Lage in Deutschland und Österreich kritisiert bzw. deren Intentionen hinterfragt. Die genaue Beschreibung der Lebensrealität vieler Jüdinnen und Juden in Hitlerdeutschland und Italien deutet ebenfalls darauf hin, dass die weltweiten zögerlichen Reaktionen demokratischer Nationen als großer Fehler dargestellt werden.
Solch eher kritische Berichterstattung des Argus stellte bezüglich der in Évian festgelegten Migrationspolitik Australiens allerdings eine Ausnahme dar. Am 7. Oktober 1938 veröffentlichte die Zeitung dazu einen Artikel, welcher zu derartiger Kritik Stellung bezog. Der Artikel bezeichnet ein Abwenden von den strengen Einwanderungskriterien dabei als kurzsichtig und gefährlich, und betont die Notwendigkeit von Migrantinen „of British blood“[48] als oberste Priorität in der Populationsfrage Australiens. Demnach sei es das Recht Australiens, diskriminierende Praktiken anzuwenden, um eine Migration weißer britischer Personen zu fördern. Daran könnten auch die verheerende Situation vieler jüdischer Flüchtenden nichts ändern. Als Legitimierung dieser Argumentation wird explizit Thomas Whites Rede in Évian angeführt.[49] Dies zeigt, wie sehr die rassistisch motivierte Migrationspolitik Australiens mediale Agitation gegen potenzielle jüdische Flüchtlinge noch weiter anspornte.
Dass die Kritik an den Ergebnissen in Évian von Wiegand nur eine Ausnahme darstellte, veranschaulicht ein weiterer Kommentar der Ausgabe vom 23. November, in welchem das ICR als Nachfolgerin des Nansen International Office for Refugees dargestellt wird. Diese Institution des Völkerbundes gründete auf der Arbeit von Fridtjof Nansen, der bereits in den 1920er Jahren etwa 400.000 Menschen materiell und politisch bei Fluchtbewegungen unterstützte.[50] Die Verleihung des Friedensnobelpreises an diese Institution in Jahr 1938 war ausschlaggebend dafür, die Konferenz von Évian und das daraus resultierende ICR als für die zeitgenössische Situation ähnlich wegweisend darzustellen. Die kommentierende Person behauptet schließlich, „it might not be too much to expect that the Evian Conference Powers, in pooling their resources, may by anticipation and prevention save the world from a repetition of the ugly spectacle that it is witnessing to-day.”[51]
Damit spiegelt der Kommentar die gängige positive Darstellung der Ergebnisse von Évian wider. Konkrete Fragen der Unterstützung von Flüchtenden oder die Möglichkeit Einwanderungsquoten zu erhöhen, sind in der Berichterstattung nicht anzufinden. Hingegen wird die Etablierung des ICR sowie das Ziel, Flüchtenden mehr Kapital bei der Ausreise aus Deutschland zu gewährleisten, als ausreichend betrachtet. Die Berichterstattung des Argus hinterfragt die konkreten Aussagen des Delegierten White in Évian nicht, obwohl die Lebensrealitäten jüdischer Menschen in Deutschland und Österreich in mehreren Artikeln explizit beschrieben wurden. Die scheinbare Solidarität mit den Flüchtenden führt zu keiner Erosion der diskriminierenden Migrationspraktiken und blieb auf rein symbolischer Ebene.
Conclusio
Abschließend lässt sich feststellen, dass beide Zeitungen ein ähnliches Bild der Geschehnisse rund um die Konferenz in Évian zeichneten. Sowohl The Age als auch The Argus reproduzierten in ihrer anfänglichen Berichterstattung den ablehnenden und diskriminierenden Diskurs über potenzielle jüdische Migration aus Deutschland und Österreich nach Australien. Die Aussage von Thomas White in Évian, dass durch jüdische Migration „Rassenprobleme“ in Australien gefördert werden würden, stellte dabei ein zentrales Element der Argumentationslinien beider Zeitungen dar. Teilweise wurde diese Behauptung aufgegriffen, um potenzielle jüdische Flüchtende weiter zu stigmatisieren. Die rassistische „White Australia Policy“ nimmt somit in beiden Zeitungen eine prominente Rolle ein und wurde durch die jeweiligen Darstellungen unterstützt.
Wirkliche Handlungsnot bestand laut der Berichterstattung bei finanziellen Aspekten jüdischer Migration aus Deutschland und Österreich. Mehrmals wurde das Problem angesprochen, dass jüdischen Flüchtenden kein Kapitel nach der Ausreise aus Deutschland und Österreich zur Verfügung stehen würde. Die Forderung nach einer Kehrtwende Deutschlands bezüglich dieser finanziellen Frage wurde mehrmals hervorgehoben und als konkretes Ergebnis der Konferenz in Évian dargestellt, obwohl dies von Hitlerdeutschland völlig unbeachtet blieben. Hingegen dazu gab es nur wenige Stimmen, die konkrete Kritik an der Politik der Teilnehmernationen übten.
Obwohl Berichte beider Zeitungen explizit die dramatischen und sich weiter verschlechternden Umstände in Europa ansprachen, blieben konkrete Forderungen nach einer Erhöhung der Aufnahmequoten aus. Sympathie und Solidarität mit jüdischen Flüchtenden waren im medialen Diskurs somit zwar erkennbar, setzten allerdings keine politischen Kräfte in Gang. Eine Erklärungsmöglichkeit für diese vorsichtige Solidarität liegt wohl darin, dass die Teilnehmernationen der Konferenz von Évian keine weiteren Auswanderungswellen aus Europa oder anderen Gebieten entfachen wollten. Dies hatte allerdings für viele betroffenen Jüdinnen und Juden in Europa fatale Folgen. Die Berichterstattung zeigt dadurch, dass selbst solidarische Menschen in Australien bezüglich jüdischer Migration skeptisch bleiben sollten, da diese in den zahlreichen Artikeln mit einer Verschlechterung der Verhältnisse im eigenen Land verbunden wurden. Obwohl The Ageund The Argus in Ausnahmefällen Kritik an der Konferenz von Évian zuließen, bleib diese verglichen mit der restlichen Berichterstattung klar im Hintergrund.
[1] Sandra Kostner, “Asyl: Australien als Vorbild für Europa“, Der Pragmaticus, Januar 19, 2024, https://www.derpragmaticus.com/r/asylrecht-europa.
[2] Anna-Lena Abbott, “Australiens Flüchtlingspolitik: Abschrecken, abschotten, abwälzen“, Der Spiegel, Dezember 12, 2017,
https://www.spiegel.de/politik/ausland/australien-warum-die-fluechtlingspolitik-kein-vorbild-fuer-europa-sein-kann-a-1181555.html.
[3] „How are Human Rights Protected in Australia Law”, Australian Human Rights Commission, Februar 21, 2025, https://humanrights.gov.au/our-work/rights-and-freedoms/how-are-human-rights-protected-australian-law.
[4] Frédéric Bonnesoeur, et al, Geschlossene Grenzen. Die Internationale Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 (Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 2018), 32.
[5] Jochen Thies, Evian 1938. Als die Welt die Juden verriet (Klartext Verlag, 2017), 10.
[6] Luise Eckardt, “Zermürbende Vorbereitung einer Konferenz: Korrespondenz zwischen Salomon Adler-Rudel und Hans Schäffer“, in Keine Zuflucht. Nirgends. Die Konferenz von Évian und die Fahrt der ST.LOUIS (1938/39), ed. Eva Schöck-Quinteros, Matthias Loeber und Simon Rau (Universität Bremen, 2019), 105.
[7] Bonnesoeur et al., Geschlossene Grenzen, 40.
[8] Dorothy Thompson, “Refugees: A World Porblem“, in Keine Zuflucht. Nirgends. Die Konferenz von Évian und die Fahrt der ST.LOUIS (1938/39), ed. Eva Schöck-Quinteros, Matthias Loeber und Simon Rau (Universität Bremen, 2019), 37 -50.
[9] Bonnesoeur, Geschlossene Grenzen, 40.
[10] Denn erst 1931 wurde Australien die Unabhängigkeit verliehen.
[11] Jan Mathis Tietjen, “Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Auftritt Australiens auf der Konferenz von Évian“, in Keine Zuflucht. Nirgends. Die Konferenz von Évian und die Fahrt der ST.LOUIS (1938/39), ed. Eva Schöck-Quinteros, Matthias Loeber und Simon Rau (Universität Bremen, 2019), 98.
[12] “80 Jahre Evian Konferenz. Eine “verpasste Chance”?“, OeAD erinnern:at, 24 Februar, 2025, https://www.erinnern.at/themen/e_bibliothek/miscellen/80-jahre-evian-konferenz.-eine-verpasste-chance
[13] Otto Langels, “Konferenz von Evian vor 80 Jahren. Keine Hilfe für jüdische Flüchtlinge“, Deutschlandfunk, Jänner 15, 2017, https://www.deutschlandfunk.de/konferenz-von-evian-vor-80-jahren-keine-hilfe-fuer-100.html.
[14] Tietjen, “Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“, 96.
[15] Philipp Strobl, “Collective Refugee Agency and the Negotiation of Migration Laws in Wartime Australia, 1939–1943”, The Historical Journal (2025): 5, https://doi.org/10.1017/S0018246X24000773.
[16] “White Australia policy”, National Museum Australia, 24 Februar, 2025,
https://www.nma.gov.au/defining-moments/resources/white-australia-policy
[17] Bonnesoeur, Geschlossene Grenzen, 275.
[18] Strobl, “Collective Refugee Agency and the Negotiation of Migration Laws in Wartime Australia, 1939–1943”, 5.
[19] Thies, Evian 1938, 47.
[20] Oberstleutnant Sir Thomas Walter White, “Protokoll der Konferenz von Évian“, in Keine Zuflucht. Nirgends. Die Konferenz von Évian und die Fahrt der ST.LOUIS (1938/39), ed. Eva Schöck-Quinteros, Matthias Loeber und Simon Rau (Universität Bremen, 2019), 181.
[21] Thies, Evian 1938. Als die Welt die Juden verriet, 128.
[22] White, “Protokoll der Konferenz von Évian“, 182.
[23] Sybil Nolan, “Manifest Editorial Differences: The Age and The Argus in the 1920s and 30s,” in Argus: The Life and Death of a Great Melbourne Newspaper: 1846-1957, ed. Muriel Porter, (RMIT Publishing, 2003), 33.
[24] “Britannica: The Age”, Encyclopædia Britannica, Inc., 22 April, 2025, https://www.britannica.com/topic/The-Age
[25] “European Refugees”, The Age, Trove, accessed February 25, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/205140292.
[26] Ebd.
[27] Siehe Seite 6.
[28] “Plight of Jews. Small Results from Evian Conference”, The Age, Trove, accessed February 25, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/205142641.
[29] Ebd.
[30] „New Hope for Refugees. An International Commission“, The Age, Trove, accessed February 25, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/205123258.
[31] “Asylum for Refugees”, The Age, Trove, accessed February 25, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/205127383.
[32] Trove, ”Plight of Jews”.
[33] “Australia and the Refugee Problem”, The Age, Trove, accessed April 22. 2025.
[34] Ebd.
[35] Nolan, “Manifest Editorial Differences, 30-33.
[36] “Nations Meet,” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12433907.
[37] Paul R. Bartop, The Holocaust and Australia: Refugees, Rejection, and Memory. (Bloomsbury Academic, 2022), 49.
[38] “Would Be Loyal,“ The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12433974.
[39] Bartrop, The Holocaust and Australia, 52.
[40] “Admittance Uncertain,“ The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12435329.
[41] Ebd.
[42] “Migration Plans,” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12435342.
[43] “Aiding Refugees,” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12437094.
[44] “Who Wants Peace?” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12442760.
[45] “Exodus of Jews: Menace to Europe,” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12458605.
[46] “Combating Barbarism,“ The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12458748.
[47] “Forcing Jews to Leave Europe,” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12482222.
[48] “Immigrants Banned,” The Argus, Trove, last accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12501744.
[49] Ebd.
[50]Alessandra Roversi, “The Evolution of the Refugee Regime and Institutional Responses: Legacies from the Nansen Period. ”Refugee Survey Quarterly 22, no. 1 (2003): 25-26. https://doi.org/10.1093/rsq/22.1.21.
[51] “Great Name Honoured,” The Argus, Trove, accessed February 24, 2025, https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/12066852.
