Diese Aufsatzsammlung analysiert die Darstellung und Diskussion von Flucht und Migration in der australischen Presse der späten 1930er Jahre. Im Zentrum steht die Frage, wie Presseberichte zur Konstruktion von Fremdheit, Zugehörigkeit und nationaler Identität beitrugen, insbesondere im Kontext globaler Fluchtbewegungen aus dem nationalsozialistischen Europa. Die Blogbeiträge untersuchen anhand diskursanalytischer Methoden, welche Narrative – etwa Bedrohung, Überfremdung, ökonomische Belastung oder Humanität – in führenden australischen Zeitungen reproduziert und verhandelt wurden. Besonderes Augenmerk gilt dabei der restriktiven „White Australia Policy“ und der grundlegenden Prägung nationaler Identität durch Medienrhetorik. Die unterschiedlichen Beiträge nehmen spezifische Fallbeispiele in den Blick, darunter die Berichterstattung über die Évian-Konferenz, die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge, die Darstellung unbegleiteter Migrant:innen und die spezifischen Narrative zu einzelnen Gruppen oder Ereignissen. Ebenso werden die Wechselwirkungen von Politik, Presse und Öffentlichkeit sowie die Spielräume für solidarische oder ausgrenzende Diskurse beleuchtet. Methodisch basiert das Projekt auf der Auswertung digitalisierter Zeitungsquellen und einer multiperspektivischen Herangehensweise im Rahmen eines universitären Lehrprojekts. Insgesamt verdeutlicht die Beiträge die historische Verwobenheit von medialen Diskursen, migrationspolitischer Praxis und gesellschaftlicher Identitätsbildung, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Erstes Bild von Herschel Grynszpan nach dem Attentat.
No Title (1938, November 19.) News (Adelaide, SA: 1923-1954), p. 1. (Letzter Zugriff am 28.07.25, URL: https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/131913090?searchTerm=Herschel%20Grynszpan#)
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Herschel Grynszpans Rezeption in australischen Zeitungen zwischen November 1938 und Februar 1939
Carla Vordermayer, Klara Mosr
1. Einleitung
Die Novemberpogrome 1938 markieren eine entscheidende Eskalation des antisemitischen Terrors in Deutschland. Eingeleitet durch das Attentat von Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath, gipfelten die Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November in einem reichsweiten, öffentlich inszenierten Gewaltexzess gegen jüdische Bürger:innen. Diese Pogrome sind jedoch nicht isoliert zu betrachten, sondern als Höhepunkt einer jahrelangen systematischen Radikalisierung des Antisemitismus im nationalsozialistischen Deutschland.[1]
Bereits in den frühen Jahren nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 setzte eine Welle antisemitischer Gewalt ein. Sturmabteilung-Truppen organisierten Boykotte jüdischer Geschäfte, drangen in Wohnungen ein und griffen jüdische Menschen auf offener Straße an. Die Bevölkerung nahm vielfach passiv zuschauend teil, während der sogenannte „Doppelstaat“, wie ihn der jüdische Jurist Ernst Fraenkel beschrieb, eine ambivalente Rolle einnahm: Einerseits schien der bürgerliche Rechtsstaat mit seinen traditionellen Normen weiterzubestehen, andererseits etablierten Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS) und andere Parteiorganisationen einen parallelen Terrorstaat, der zunehmend die Kontrolle über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung übernahm.[2]
In einer zweiten Gewaltwelle 1935 verschärfte sich die Lage weiter. Öffentliche Angriffe auf jüdische Personen und Geschäfte erreichten neue Dimensionen. Trotz dieser Brutalität schien für viele jüdische Bürger:innen das Ausharren in Deutschland oft die einzige Option, insbesondere für ältere und wirtschaftlich schwächere Mitglieder der Gemeinschaft.[3] Gerade ältere Menschen hatten oft ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht. Sie sprachen meist keine Fremdsprachen, hatten keinen Zugang zu internationalen Netzwerken und sahen sich außerstande, sich in einem fremden Land eine neue Existenz aufzubauen.
Die antijüdische Gewalt diente nicht nur der Einschüchterung, sondern hatte auch eine strategische Funktion. Durch gezielten Terror auf den Straßen wurde Druck auf die staatlichen Behörden ausgeübt, die sogenannte systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung durch Gesetze und Verordnungen weiter voranzutreiben. Dies führte zu einer sich wechselseitig verstärkenden Dynamik zwischen Basisterror und staatlicher Judenverfolgung. Mit den Novemberpogromen sprengte der nationalsozialistische Terror den Rahmen dessen, was viele für möglich gehalten hatten. Die offene und umfassende Gewalt gegen jüdische Geschäfte, Synagogen und Einzelpersonen zerstörte jede Hoffnung auf Sicherheit und markierte den Beginn der finalen Phase der systematischen Verfolgung der jüdischen Menschen in Deutschland.[4]

Gerd Schneider, Christiane Toyka-Seid, „Pogrom/Reichspogromnacht,“ Das junge Politik-Lexikon. Bundeszentrale für politische Bildung
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https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320945/pogrom-reichspogromnacht/ (16.04.25).
Herschel Feibel Grynszpan wurde am 28. März 1921 in Hannover als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geboren. Sein Vater Sendel Grynszpan, ein Schneider, stammte aus Dmenin im damaligen Russland und wanderte 1911 zusammen mit seiner Frau Regina, geborene Silberberg, nach Deutschland aus, um den antisemitischen Verfolgungen des zaristischen Russlands zu entkommen. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen; wirtschaftliche Schwierigkeiten und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise prägten ihre Lebensumstände. Herschel besuchte die Volksschule in Hannover und galt als intelligenter Schüler, dessen schulischer Erfolg jedoch durch einen Mangel an Fleiß und Disziplin beeinträchtigt wurde.[5] 1935 verließ Herschel seine Heimatstadt und zog nach Frankfurt am Main, um an einer Rabbinischen Lehranstalt eine Ausbildung in jüdischer Religionswissenschaft zu beginnen. Diese brach er jedoch 1936 vorzeitig ab und kehrte nach Hannover zurück. Ohne berufliche Perspektiven und unter zunehmendem Druck durch die antisemitischen Maßnahmen des NS-Regimes entschied er sich, nach Belgien und schließlich nach Frankreich zu emigrieren, wo er bei seinem Onkel in Paris Unterkunft fand.
Grynszpan lebte dort in prekären Verhältnissen, ohne legale Aufenthaltserlaubnis und ohne geregelte Arbeit. Seine Isolation und die Berichte über die Deportation seiner Familie trugen wesentlich zu seiner Verzweiflung bei.[6] In diesem Zustand verübte er schließlich das Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath, ein Ereignis, das die NS-Propaganda instrumentalisiert nutzte, um die Novemberpogrome 1938 zu rechtfertigen.[7]
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Darstellung von Herschel Grynszpan in australischen Zeitungen im Zeitraum vom 7. November 1938 bis zum 28. Februar 1939 zu analysieren. Dabei liegt der Fokus darauf, wie Grynszpan, der v.a. von den Nationalsozialisten als Auslöser der Novemberpogrome 1938 instrumentalisiert wurde, in australischen Publikationen dargestellt wurde. Die Wahl australischer Medien bietet dabei eine spannende Perspektive, da Australien aufgrund seiner geographischen Entfernung einen distanzierten, aber dennoch westlich geprägten Blick auf die Ereignisse in Europa einnahm. Zudem existieren bereits Studien zur medialen Darstellung Grynszpans in europäischen und amerikanischen Kontexten – die australische Presse ergänzt diesen Forschungsstand und erlaubt Rückschlüsse auf globale Wahrnehmungs- und Deutungsmuster. Unsere Forschungsfrage lautet daher: „Wie wurden das Attentat von Herschel Grynszpan und seine Person in australischen Zeitungen zwischen dem 7. November 1938 und dem 28. Februar 1939 dargestellt?“
Die Analyse stützt sich auf die Auswertung von Primärquellen (historischen Zeitungsartikeln), die in Kapitel 4 untersucht werden. Diese Artikel bieten einen direkten Einblick in die zeitgenössische Berichterstattung und medialen Diskurse.Ergänzend dazu wird Sekundärliteratur herangezogen.[8] Diese Werke bieten Hintergrundinformationen und wissenschaftliche Analysen zur internationalen Wahrnehmung des Nationalsozialismus, der Novemberpogrome und Herschel Grynszpans Rolle in der Propaganda und öffentlichen Meinung.
2. Historischer Kontext
Am 7. November 1938 betrat Herschel Grynszpan, ein junger polnisch-jüdischer Emigrant, die deutsche Botschaft in Paris.[9] Er war zweifellos gut gekleidet, in einem Nadelstreifenanzug, billig, aber ordentlich.[10] Er verlangte, einen Botschaftssekretär zu sprechen, da er angeblich ein wichtiges Dokument übergeben wollte. Nachdem er von einem Amtsgehilfen in das Wartezimmer geführt wurde, empfing ihn der Legationssekretär Ernst vom Rath. Grynszpan zog während des Gesprächs einen Revolver und schoss zweimal auf vom Rath. Dieser wurde schwer verletzt und unmittelbar ins Krankenhaus gebracht, wo er operiert wurde. Die Kugeln trafen ihn im Brust- und Bauchbereich, was die Entfernung seiner Milz erforderlich machte.[11] Grynszpan ließ sich nach der Tat widerstandslos von einem Botschaftsangestellten festnehmen und wurde der Polizei übergeben.[12]

No Title (1938, November 19.) News (Adelaide, SA: 1923-1954), p. 1. (Letzter Zugriff am 28.07.25, URL: https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/131913090?searchTerm=Herschel%20Grynszpan#)
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In seiner Vernehmung erklärte Grynszpan, er habe mit seiner Tat gegen die Verfolgung seiner jüdischen Glaubensgenossen protestieren wollen. Er begründete dies mit den Ereignissen rund um die Abschiebung seiner Eltern und anderer polnischer jüdischer Menschen nach Polen. Eine Postkarte, die er wenige Tage zuvor von seiner Familie aus Zbąszyń erhalten hatte, berichtete von den dramatischen Umständen der Abschiebung: Sie waren ohne Vorwarnung aus ihren Wohnungen herausgeholt und an die polnische Grenze deportiert worden, wo sie unter katastrophalen Bedingungen in Lagern untergebracht wurden. Grynszpan beschloss daraufhin, ein Mitglied der deutschen Botschaft zu töten, um auf das Leid der jüdischen Bevölkerung aufmerksam zu machen.[13]
Die Tatwaffe, ein Revolver Kaliber 6,35 mm, wurde am Tatort gefunden. Grynszpan gab an, dass er gezielt in die Körpermitte seines Opfers geschossen habe. Sein Motiv, die Rache für die Leiden der jüdischen Menschen, hatte er sowohl vor Ort als auch in den Vernehmungen mehrfach betont. Vom Rath erlag später seinen Verletzungen, was die nationalsozialistische Propaganda dazu nutzte, die Novemberpogrome 1938 zu rechtfertigen.[14]

17-Year-Old Assassin For Trial (1939, Februar 14). The Daily News (Perth, WA: 1882-1995), p. 5. (Letzter Tugriff am 28.07.25, URL: https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/81957727#)
© National Library of Australia, Foto: o. Ang., http://nla.gov.au/nla.news-article81957727 20.04.25.
2.2. Australien als Zufluchtsland für jüdische Menschen
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begannen Vertreibungen von als „rassisch minderwertig“ oder politisch unerwünscht geltenden Personen.[15] Zu den ersten Geflüchteten gehörten Regimegegner:innen sowie jüdische, Romani und slawische Bürger:innen. Bis 1939 flohen Hunderttausende aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, meist jüdischer Herkunft. Internationale Schutzmaßnahmen blieben weitgehend wirkungslos. In den 1930er Jahren verfolgte Australien eine restriktive Einwanderungspolitik, die jüdische Geflüchtete nicht ausdrücklich willkommen hieß.
Die Haltung war von Angst vor „unerwünschten“ Eingewanderten und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt.[16] Die Migrationspolitik bevorzugte britische Einwanderer:innen und begegnete nicht-britischen Geflüchteten, besonders jüdischer Herkunft, mit Skepsis.[17] Antisemitische Vorbehalte prägten die öffentliche Debatte. Die Regierung unterschied nicht zwischen regulären Migrant:innen und Geflüchteten, verlangte hohe Einreisegebühren und schränkte Aufnahmezusagen stark ein. Jüdische Geflüchtete aus Deutschland und Österreich wurden als „Aliens“ eingestuft. Assimilationszweifel, wirtschaftliche Sorgen und antisemitische Ressentiments verstärkten die Ablehnung.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie pauschal als „feindliche Ausländer“ betrachtet, überwacht und teilweise interniert. Die Situation jüdischer Geflüchteten in Australien zeigt, wie politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren eine restriktive Einwanderungspolitik bestimmten. Trotz einiger Aufnahmen verhinderten Vorurteile und strenge Bedingungen umfassende humanitäre Hilfe. Die Geflüchteten erlebten doppelte Marginalisierung: Verfolgung in der Heimat und Diskriminierung im Zufluchtsland.[18]
3. Methodik
Für die Untersuchung wurde eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring[19] angewendet, um eine systematische und nachvollziehbare Auswertung des Quellenmaterials sicherzustellen. Insgesamt wurden 141 australische Zeitungsartikel, die mithilfe der Datenbank „Trove“ recherchiert wurden, im Zeitraum vom 7. November bis zum 28. Februar 1939 analysiert. Der gewählte Zeitraum umfasst das Attentat selbst, die darauffolgenden Novemberpogrome sowie die internationale Diskussion über antisemitische Maßnahmen des NS-Regimes und die Vorbereitungen für den Schauprozess gegen Grynszpan, die bis Ende Februar 1939 anhielten. Im Mittelpunkt der Analyse stand die Forschungsfrage: „Wie wurden das Attentat von Herschel Grynszpan und seine Person in australischen Zeitungen zwischen dem 7. November 1938 und dem 28. Februar 1939 dargestellt?“
Die Auswertung der Artikel erfolgte anhand eines deduktiven Kategoriensystems, das es ermöglicht, verschiedene Argumentationsmuster und Darstellungsformen herauszuarbeiten. Die Kategorien, die zur Analyse herangezogen wurden, lauten:
Zeitungsartikel, die Identifikation der jeweiligen Publikationen, um potentielle Tendenzen in der Berichterstattung einzelner Blätter zu erkennen.
Datum, die Erfassung des Veröffentlichungszeitpunkts, um zeitliche Entwicklungen in der Berichterstattung zu untersuchen.
Sprache und Rhetorik, die Analyse der sprachlichen Mittel und rhetorischen Techniken, die zur Beschreibung des Attentats verwendet wurden.
Fokus und Narrativ, die Untersuchung des inhaltlichen Schwerpunkts der Berichterstattung, z.B. ob der Fokus auf Grynszpans Motiv, den politischen Konsequenzen oder der Opferperspektive lag.
Perspektive und Wertung, die Einschätzung der Haltung des Artikels gegenüber Grynszpan und seiner Tat- empathisch, kriminalisierend oder kritisch.
Die Fragestellungen für die Textanalyse leiteten sich direkt aus der zentralen Forschungsfrage des Projekts ab. Ziel der Untersuchung war es, diese Fragen zu beantworten und zu ergründen, wie verschiedene Artikel mit einem polarisierenden Ereignis wie dem Attentat von Herschel Grynszpan umgingen. Durch die systematische Kategorisierung konnten wiederkehrende Muster in der Berichterstattung identifiziert und verglichen werden. Die Resultate der Codierung wurden in Tabellenform zusammengefasst, um die Verteilung der Argumentationsmuster über den gesamten Analysezeitraum sichtbar zu machen und fundierte Einblicke in die journalistischen Darstellungsstrategien zu ermöglichen, die im weiteren Verlauf der Arbeit untersucht werden.
4. Analyse; Darstellung des Attentats in ausgewählten Zeitschriften
Die Analyse zeigt, dass die untersuchten australischen Zeitungsartikel unterschiedliche Narrative und Argumentationsmuster verwenden, um das Attentat zu beschreiben. Diese lassen sich in zwei Hauptkategorien (4.1 und 4.2) unterteilen:
4.1. Empathische und kontextualisierende Darstellungen
Der Artikel des Sydney Morning Herald vom 9. November 1938 richtet seine Aufmerksamkeit auf die Folgen des Attentats, die nachfolgenden Pogrome und deren Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung; „The first reprisals oft the shooting have been announced. All Jewish cultural performances have been banned until the end of the year. […] A new anti-Jewish law is being considered. […] A mob at Cassel smashed the windows of Jewish shops, forced an entrance to the Synagogue and destroyed furniture.[…]”[20].
Der Artikel hebt ebenfalls hervor, dass die Tat in einem breiteren internationalen Kontext gesehen werden muss: „The shooting of Dr. vom Rath is regarded as most regrettable in view of the international situation.“[21] Dies deutet darauf hin, dass das Attentat als destabilisierender Faktor in einer ohnehin angespannten geopolitsichen Lage wahrgenommen wurde. Zusätzlich wird ein Brief von Grynszpans Eltern erwähnt, der die verzweifelte Lage der Familie nach ihrer Ausweisung beschreibt: „We are on the train approaching the Polish frontier. We have been roughly expelled from Germany, and have been left without a farthing. We do not know what we can do.“[22] Der Artikel beschreibt diesen Brief als „eloquent letter“[23] und hebt damit dessen emotionale Wirkung und Dramatik hervor. Durch die Wahl dieses Begriffes wird die menschliche Dimension der Verfolgung betont, ohne dass die Zeitung explizit Stellung bezieht. Dies schafft Raum für eine empathische Interpretation der Ereignisse. Dieser Brief wird direkt mit der Tat in Verbindung gebracht und auf den 31. Oktober datiert, wodurch die Zeitung dem Lesenden genügend Raum lässt, zwischen den Zeilen zu lesen. Indirekt wird implementiert, dass Grynszpan die Tat sowohl aus persönlichen und familiären Gründen als auch politischen Motiven verübte.
Seine Aussage während der Tat: „I am a Pole“[24], lenkt zudem die Aufmerksamkeit auf die dehumanisierende Situation der Polen und die Vertreibung der jüdischen Menschen. Dies erweckt beim Lesenden Empathie für die Situation und ist somit bewusst von der Zeitung gewählt, sowohl die Wortwahl als auch die Platzierung und Anordnung der Sätze. Dies ermöglicht es den Leser:innen, Grynszpans Handlung als eine von persönlichen und familiären Umständen getriebene Tat zu verstehen.
Ein weiterer Artikel des Sydney Morning Herald vom 2. Dezember 1938 trägt den Titel „Grynszpan´s story“[25] und hebt somit hervor, dass Grynszpan eine Plattform erhält, um seine Perspektive darzulegen. In diesem Artikel wird Dr. vom Rath in ein negatives Licht gerückt, da Grynszpan angibt: „He called me jewish filth“[26]. Darüber hinaus wird erwähnt, dass Grynszpan besonders durch antisemitische Artikel in Julius Streichers[27] Hetzblatt „Der Stürmer“ aufgewühlt war:„[…] he had been particulary upset by articles in the `Sturmer` the journal of Herr Julius Streicher, the chief Nazi Jew-bailer.“[28] Diese Darstellung stellt Grynszpans Beweggründe in den Vordergrund und erzeugt Empathie für seine Lage, indem die erlebten Beleidigungen und die antisemitische Hetze hervorgehoben werden.
Gleichzeitig wird Dr. vom Rath, der zunächst als Opfer dargestellt wurde, stärker mit der NS-Ideologie in Verbindung gebracht. Damit verändert der Artikel subtil die Wahrnehmung, indem Grynszpans Tat nicht nur als persönliche Reaktion, sondern auch als Antwort auf die systematische Verfolgung jüdischer Menschen durch das NS-Regime dargestellt wird. Die bewusste Betonung solcher Details lenkt den Fokus weg von der bloßen Tat hin zu den Umständen, die sie motivierten.
Diese narrative Entscheidung weckt beim Lesenden Verständnis für Grynszpan und liefert eine differenzierte Perspektive der Ereignisse. Die Zeitung distanziert sich durch diese Darstellung teilweise von der dominanten Rhetorik, die Grynszpan als alleinigen Auslöser der Gewalt instrumentalisierte, und schafft Raum für eine kritischere Reflexion der nationalsozialistischen Propaganda.
Die West Australian schrieb am 17. November 1938 über den bevorstehenden Prozess gegen Herschel Grynszpan und äußerte Besorgnis über dessen Schicksal. Der Artikel zitiert einen diplomatischen Korrespondenten der Australian Associated Press mit den Worten: “The trial is awaited with grave anxiety. It would not cause surprise if Germany demanded Grynszpan´s extradition, despite the fact that such a demand would be contrary to international law”.[29]
Hier wird deutlich, dass die Zeitung die Sorge teilt, Grynszpan könnte nach Deutschland ausgeliefert werden, obwohl ein solcher Schritt internationales Recht brechen würde. Durch diese Aussage wird zudem die Möglichkeit betont, Deutschland für ein solches Vorgehen zur Verantwortung zu ziehen.
Der Artikel bietet darüber hinaus eine kritische Perspektive auf die Instrumentalisierung des Attentats durch die Nationalsozialisten dar. Es wird erwähnt, dass: „It is known Dr. Vom Rath was a strong anti-Nazi.”[30]
Das steht im Widerspruch zur nationalsozialistischen Darstellung, die seinen Tod propagandistisch ausschlachtete: “The suspicion had frequently been mentioned that Germany was seeking an incident to permit of an onslaught on Jewish capital, which doubtlessly is urgently required.”[31]
Diese Aussage verdeutlicht, dass die West Australian die Möglichkeit einer bewussten Inszenierung durch das NS-Regime in Erwägung zieht, um die antisemitischen Maßnahmen zu legitimieren. Die Betonung, dass Grynszpan nicht gezielt vom Rath töten wollte, sondern vielmehr ein politisches Zeichen setzen wollte, verstärkt die Kritik an der nationalsozialistischen Propaganda. Gleichzeitig wird die Doppelmoral des Regimes offengelegt, da vom Rath trotz seiner angeblichen Anti-Nazi-Haltung von Hitler öffentlich betrauert wurde, um seinen Tod als Vorwand für die Novemberpogrome zu nutzen.
Die Daily News vom 14. Februar 1939 bietet eine bemerkenswerte Perspektive auf die Propaganda im nationalsozialistischen Deutschland, indem sie eine direkte Beeinflussung der Presse durch den Staat thematisiert. Damit geht sie noch einen Schritt weiter als andere, bereits besprochene Zeitungen. Der Artikel bezeichnet Joseph Goebbels als „Propaganda Minister Goebbels“ und beschreibt wie er „[…] launched one of his expert jobs of popular incitement. Hitler joined on a harangue against the Jews.“[32]
Damit hebt die Zeitung hervor, dass die antisemitischen Maßnahmen und die Darstellung Grynszpans durch das NS-Regime bewusst instrumentalisiert wurden.
Die Daily News widerlegt das Narrativ, dass Grynszpan allein für die Pogrome verantwortlich sei, indem sie deutlich macht, dass die Nationalsozialisten die Tat als Vorwand nutzten, um ihre antisemitische Propaganda zu verstärken: „These ensued a Terror of revenge that made the world shudder.”[33]
Besonders eindrucksvoll ist die Platzierung eines Zitats von Grynszpan selbst: „Is this the price for the act of one desperate, foolish man like me? […]“[34]
Diese rhetorische Frage wird genutzt, um die Absurdität und Unverhältnismäßigkeit der nationalsozialistischen Reaktion hervorzuheben. Sie verdeutlicht, dass Grynszpan zwar eine individuelle Tat begangen hat, die Nationalsozialisten diese jedoch bewusst propagandistisch ausgeschlachtet und als Vorwand für ihre systematische Gewalt genutzt haben. Durch diese Darstellung positioniert sich die Daily News gegen die nationalsozialistische Propaganda und macht klar, dass die Pogrome nicht das Ergebnis einer einzelnen Tat waren, sondern Teil eines geplanten und inszenierten Programms. Diese narrative Entscheidung der Zeitung verdeutlicht eine kritische Distanz zur NS-Rhetorik und weckt Empathie für Grynszpan und die von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen Menschen.
Ein weiterer Artikel der Daily News vom 14. Februar 1939 beschreibt Grynszpans Flucht aus Deutschland im Jahr 1936 und seine Hoffnung, in Paris ein normales Leben führen zu können: „to live and work like other people, not like a hunted beast“[35].
Dieser Satz zeichnete das Bild von Grynszpan als das eines jungen Mannes, der sich nach Normalität sehnte, und schafft beim Leser Verständnis für seine Situation.
Der Artikel beschreibt detailliert die Lage in Polen im Zusammenhang mit den Ereignissen im Oktober 1938, als Polen ein Dekret erließ, das bestimmte polnische Staatsbürger im Ausland ausschloss: “In October [als Grynszpans Eltern ihm am 31. Oktober einen Brief schrieben] Poland issued a decree intended to rid the country of certain Poles living abroad. The Nazi Government hastened to deport all the Polish Jews it could lay hands on […] One such was Herrschel´s father.”[36]
Diese Darstellung hebt die dramatische Verschlechterung der Situation hervor und betont die brutale Realität der Deportationen, was Empathie und Verständnis beim Leser erzeugt. Grynszpans persönliche Verzweiflung wird ebenfalls verdeutlicht: „Herrschel told the aunt and uncle with whom he was living in Paris that he wanted to kill himself.”[37]Diese Aussage unterstreicht die Hilflosigkeit und die unerträgliche Situation, in der er sich befand. Der Artikel verdeutlicht klar die nationalsozialistische Perspektive, indem Grynszpans Tat wie folgt beschrieben wird: “The official Nazi reaction, however, was that this was a howling act of „Jewsh provocation”[38]
Die Verwendung des Wortes „however” signalisiert, dass die Zeitung diese Auffassung als spezifisch nationalsozialistisch und bewusst propagandistisch darstellt. Durch diese sprachliche Differenzierung zeigt der Artikel, dass die Tat Grynszpans von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde, um ihre antisemitische Agenda voranzutreiben.
4.2. Kriminalisierende und vereinfachenden Darstellungen
Die Zeitschrift Sun veröffentlichte am 8. November 1938 einen Artikel mit dem Titel: „Kill any German. Young Jew´s intent”[39], der Herschel Grynszpan in äußerst negativem Licht darstellt. Bereits der Titel vermittelt den Eindruck, dass Grynszpan wahllos und ohne Motiv irgendeinen Deutschen töten wollte, und verzichtet bewusst darauf, seinen Namen zu nennen – er wird lediglich als „Young Jew“ bezeichnet.
In Australien wurden Menschen nicht grundsätzlich zu „Juden“ „gemacht“, sondern der Begriff wurde aus dem NS-Deutschland aufgegriffen. Die Übernahme dieses Begriffes diente allerdings in der australischen Presse dazu, Menschen als andersartig hervorzuheben, was antisemitische Untertöne transportierte.
Der Artikel beschreibt ihn weiterhin als „assassin[40]“, was eine gezielte und emotionsgeladene Charakterisierung seiner Tat darstellt. Die Informationen im Artikel sind scheinbar willkürlich angeordnet und durch fettgedruckte Abschnitte wie „Sorry he missed“[41] und „Five shots fired“[42] hervorgehoben, was die Tat selbst in den Fokus rückt und ihre Motive offenbar außer Acht lässt. Dadurch entsteht bei Lesenden der Eindruck, Grynszpan habe aus purer Lust am Töten gehandelt oder sei unberechenbar und gefährlich.
Dies wird durch die Aussage untermauert: „the shooting was perpetrated on the Embassy premises and these are technically `German territory`“[43] Der Artikel stellt somit die Tat als Angriff auf deutsches Territorium dar, was die rechtliche Schwere des Vorfalls betonen soll. Interessanterweise erwähnt der Artikel, dass Grynszpans Onkel und Tante, bei denen er lebte, festgenommen wurden: „A Porter seized Grynszpan, whose uncle and aunt have since been arrested for harbouring an alien“[44].
Der Begriff „alien“ unterstreicht die Fremdartigkeit Grynszpans und verweist auf seine staatenlose Situation. Dies wird bewusst neben der Aussage: „I am a Pole“, platziert, um seine Herkunft zu betonen. Dadurch wird indirekt ein Narrativ geschaffen, das möglicherweise australische Leser:innen beeinflussen sollte, skeptisch gegenüber der Aufnahme von Ausländer:innen zu sein.
Der Artikel hebt zudem hervor, dass Hitler persönlich die Botschaft angerufen hat, um sich nach vom Raths Zustand zu erkundigen, und außerdem seine eigenen Ärzte mit der Betreuung des Botschafters beauftragt hat: „[he] sent his own medical attendant `Dr. Erandt`and another distinguished doctor to attend vom Rath“.[45]
Die Verwendung des Begriffs „distinguished“ verstärkt den Eindruck von Hitlers Fürsorglichkeit, die bewusst positiv dargestellt wird.
Insgesamt lenkt der Artikel den Fokus auf die Tat und deren vermeintliche Bedrohlichkeit, während Grynszpan auf ein stereotypisches Bild eines gewaltbereiten, irrational handelnden „Fremden“ reduziert wird.
Diese Darstellung in The Sun verdeutlicht, wie Narrative genutzt werden, um Grynszpan zu kriminalisieren und die nationalsozialistische Rhetorik indirekt zu unterstützen, indem die Tat isoliert betrachtet und die politischen sowie sozialen Hintergründe ausgeblendet werden.
Die Berichterstattung der Zeitschrift Argus vom 11. November 1938 beschreibt die antisemitischen Ausschreitungen als eine „normal reaction to an outrageous murder“[46]. Diese Formulierung übernimmt die NS-Rhetorik nahezu unverändert und rechtfertigt indirekt die Gewalt gegen jüdische Menschen als „emotionale“ Antwort. Der Pogrom wird als unmittelbare Folge des Attentats dargestellt, wodurch die nationalsozialistische Propaganda übernommen wird, indem Grynszpan für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht wird: „A campaign against the Jews, almost unparalleled in its violence, has broken out in all parts of the Reich. It is the sequel to the fatal shooting of Herr von Rath, a secretary at the German Embassy in Paris, by a young Jew.”[47]
Diese Darstellung verdeutlicht, wie unkritisch NS-Narrative übernommen wurden, indem Grynszpan als Sündenbock dargestellt wird, ohne die politische Inszenierung durch das NS-Regime zu hinterfragen. Die Wortwahl und der Aufbau des Artikels verstärken den Eindruck, dass die antisemitischen als zwangsläufige und nachvollziehbare Konsequenz der Tat präsentiert werden, wodurch die eigentliche Verantwortung der Nationalsozialisten für die Pogrome verschleiert wird.
The Age veröffentlichte am 21. November 1938 einen Artikel mit dem Titel: „Provoked new pogrom“[48] begleitet von einem Foto, das Herschel Grynszpan nach der Tat zeigt, wie er abgeführt wird. Bereits der Titel deutet auf eine eindeutige Schuldzuweisung hin, indem er suggeriert, Grynszpan habe die Pogrome provoziert. Die Verwendung des Wortes „provoked“ verstärkt diese Botschaft, indem sie die Verantwortung für die Ausschreitungen auf ihn projiziert.
Im Artikel wird dies durch die Aussage untermauert: „[…] an act which provoked further outbursts against jews in Germany […]”[49] Diese Darstellung stellt die Tat Grynszpans als direkten Auslöser der Pogrome dar und übernimmt damit unkritisch das Narrativ der nationalsozialistischen Propaganda, die Grynszpan gezielt als Sündenbock für die eskalierende Gewalt instrumentalisiert hat. Durch die Kombination aus dem Titel, der visuellen Darstellung und der Wortwahl wird ein Bild erzeugt, das Grynszpan nicht nur für die Tat selbst, sondern auch für die Pogrome verantwortlich macht. Diese Darstellung ignoriert die systematische Planung der Pogrome durch das NS-Regime und reduziert die Ereignisse auf eine vermeintlich spontane Reaktion auf Grynszpans Tat.
Die Daily Telegraph veröffentlichte am 15. Februar 1939 einen Artikel mit dem Titel „German´s Killer. Adjuged sane man“[50], der Herschel Grynszpan in einem stark negativ konnotierten Licht darstellt. Schon der Titel erzeugt durch die Wortwahl „Killer“ eine gezielte Abwertung, die Grynszpan nicht nur als Täter, sondern als jemanden präsentiert, der absichtlich und brutal gehandelt habe.
Zudem wird durch „Adjudged Sane Man“ angedeutet, dass eine psychiatrische Begutachtung zu dem Ergebnis führte, dass er für seine Tat verantwortlich gemacht wird – was impliziert, dass er schuldig ist. Direkt unter dem Titel heißt es: „Von Rath´s murder was the signal for pogroms in Germany“[51]
Die Platzierung dieser Aussage direkt unter der Überschrift ist kein Zufall, da sie Grynszpan implizit für die Pogrome mitverantwortlich macht. Diese Darstellung übernimmt die nationalsozialistische Propaganda, die Grynszpans Tat als Vorwand nutzte, um die antisemitischen Ausschreitungen zu rechtfertigen.
Im Artikel von The Sun vom 20. Januar 1939 heißt es: „The gaol sentence by a French court on the uncle and aunt of Herrschel Grynszpan (the young Polish Jew who killed Herr vom Rath in Paris, and precipitated the anti-Jewish pogrom in the Reich) for harboring an unregistered foreigner, serves to focus attention on the stringest regulations governing the lives of aliens in France.”[52]
Hier wird Grynszpan erneut als verantwortlich für die Pogrome dargestellt, indem behauptet wird, seine Tat habe diese „ausgelöst“ („precipitated“). Die Formulierung „unregistered foreigner“ reduziert Grynszpan auf seine staatenlose Identität, obwohl er lediglich bei seiner Familie untergekommen war. Dadurch wird der Fokus auf einen möglichen Gesetzesverstoß gelegt und die rechtliche Dimension der Situation hervorgehoben.
Gleichzeitig betont der Artikel die strengen Regelungen für Ausländer:innen in Frankreich, was im Kontext auch als eine unterschwellige Botschaft an die Leser:innen interpretiert werden könnte, Vorbehalte gegenüber der Aufnahme von Migrant:innen zu hegen. Diese Darstellung entmenschlicht Grynszpan und seine Familie und verdeckt die größeren politischen und sozialen Hintergründe, die zu den Ereignissen führten.
5. Unterschiede
Beim Vergleich der Zeitungsartikel wird deutlich, dass sich die Publikationen, die in die kontextualisierende und empathische Kategorie fallen, stark von jenen unterscheiden, die Grynszpan kriminalisieren und vereinfachend darstellen.
Der Sydney Morning Herald titelte am 9. November 1938: „Nazis angry. […] Reprisals on Jews”,[53] und bezeichnete die Tat als „wounding“, was eine abgeschwächte Darstellung vermittelt.[54]
Empathische Artikel wie im Sun News-Pictorial vom 10. November 1938[55] zitieren Grynszpan direkt, betonen seine persönlichen Motive und wecken bei den Lesenden Verständnis für seine Situation.
Im Gegensatz dazu verwenden andere Zeitungen negativ konnotierte Begriffe, die Grynszpan als aggressiven Täter inszenieren. Artikel mit Titeln wie „Diplomat shot“[56] oder „Young Pole’s Act of Vengeance. German Anger at Shooting of Diplomat“[57] lenken die Aufmerksamkeit gezielt auf die Tat und betonen das Bild eines kaltblütigen Attentäters.
Die Wortwahl beeinflusst die Leser:innen entsprechend: Während „wounding“ eine abgeschwächte, neutralere Darstellung vermittelt, erzeugen Begriffe wie „killing“ oder „shot“ eine eindeutig kriminalisierende und negative gefärbte Wirkung.
Ein Beispiel für diese Berichterstattung ist der Artikel in The Sun vom 8. November 1938, der unter dem Titel „Kill any German. Young Jew’s intent“[58] veröffentlicht wurde. Der Titel vermittelt den Eindruck, dass Grynszpan wahllos deutsche Staatsbürger:innen töten wollte, und vermeidet es, seinen Namen zu nennen, wodurch er auf seine jüdische Identität reduziert wird. Die Verwendung des Begriffs „assassin“[59] verstärkt diese kriminalisierende Darstellung zusätzlich.
Solche Artikel übernehmen unkritisch die NS-Propaganda und machen Grynszpan zum Sündenbock der Pogrome. Diese Unterschiede zeigen, wie stark die Wortwahl die Wahrnehmung von Grynszpans Tat beeinflusst – von empathischer Kontextualisierung bis hin zur unkritischen Übernahme nationalsozialistischer Narrative.
6. Schlussfolgerung
Die Berichterstattung über das Attentat von Herschel Grynszpan in australischen Zeitungen offenbart eine breite Palette journalistischer Strategien. Empathische Artikel betonten seine persönliche Verzweiflung, familiären Umstände und die erlebte Diskriminierung, wodurch Lesende seine Motive besser nachvollziehen konnten.
Kriminalisierende Berichte hingegen blenden diese Kontexte aus, wodurch Grynszpans Tat isoliert erscheint und Empathie erschwert wird. Ohne diese wichtigen Zusammenhänge bleibt für die Leser:innen unklar, warum Grynszpan gehandelt hat, und es entsteht der Eindruck, er habe die Tat grundlos begangen.
Viele dieser Berichte übernehmen unkritisch die NS-Propaganda, stellen Grynszpan als alleinigen Auslöser der Pogrome dar und reduzieren ihn auf seine Rolle als „jüdischer Attentäter“. Dabei schwingen unterschwellig ausländerfeindliche Töne mit, die von den Leser:innen aufgegriffen und auf ihre eigene Wahrnehmung von „Fremdsein“ übertragen werden können, wodurch die systematische Verfolgung durch das NS-Regime in den Hintergrund rückt.
In der Forschung wurde herausgearbeitet, dass die nationalsozialistische Deutung des Attentats nicht nur innerhalb Deutschlands dominierte, sondern auch in der Presse anderer Staaten wie Frankreich lanciert wurde.[60] Dagegen hält Maurus für die US-amerikanische Öffentlichkeit fest, dass „opinion mobilized on Grynszpan’s behalf. A famous journalist at the New York Herald-Tribune, Dorothy Thompson, took up his cause and appealed for help.”[61] Obwohl sich Australien wie die USA einer direkten Einflussnahme durch Nazi-Deutschland entzog, hat die Analyse gezeigt, dass die Rezeption des Attentats in der australischen Presse ambivalent war; nationalsozialistische Narrative wurden durchaus in einigen Publikationen aufgegriffen.
Die Rezeption Grynszpans in australischen Medien verdeutlicht, wie unterschiedlich journalistische Darstellungen historische Ereignisse prägen können und zeigt die Bedeutung kritischer Berichterstattung bei komplexen Geschehnissen. Sie macht zudem deutlich, wie schnell Einzelpersonen als Sündenböcke für systematische Gewalt instrumentalisiert werden können.
[1] Raphael Gross, November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe (Beck Verlag München, 2013), 32-33.
[2] Ebd. 33.
[3] Ebd. 34.
[4] Ebd. 35.
[5] Karl Friedrich Kaul, Der Fall des Herschel Grynszpan (Akademie-Verlag Berlin, 1965), 11.
[6] Ebd. 12-14.
[7] Alan E. Steinweis. “The Trials of Herschel Grynszpan: Anti-Jewish Policy and German Propaganda, 1938-1942.” German Studies Review 31,3 (2008): 471-488, https://www-jstor-org.uaccess.univie.ac.at/stable/27668588 (20.04.25).
[8] Verwendet werden die Werke von Karl Friedrich Kaul, Der Fall des Herschel Grynszpan (Akad.-Verlag 1965); Raphae Gross, November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe (Beck 2013) und Philipp Strobl, „Collective Refugee Agency and the Negotiation of Migration Laws in Wartime Australia”, in The Historical Journal 68/3 (2025), S. 627–646.
[9] Michael Grau, „Ein Attentat mit Folgen,“ Jüdische Allgemeinheit, (2018): https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/ein-attentat-mit-folgen/ (07.02.25).
[10] Harlan Greene, „The German officer’s Boy” in The German Officer´s Boy, ed. Harlan Greene (University of Wisconsin Press, 2005) 1-95, 8-9.
[11] Kaul, Der Fall des Herschel Grynszpan, 7-8.
[12] Ebd. 8.
[13] Ebd. 9.
[14] Ebd, 9.
[15] Miriam Rürup, „Nationalsozialistische Verfolgung (1933-1945),“ Bundeszentrale für politische Bildung, (2022): https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/juedisches-leben/504520/nationalsozialistische-verfolgung-1933-1945/ (12.01.25).
[16] Paul R. Bartrop, The Holocaust and Australia: Refugees, Rejection, and Memory (Bloomsbury Academic London, 2022), 5.
[17] Ebd. 217.
[18] Philipp Strobl, “Collective Refugee Agency and the Negotiation of Migration Laws in Wartime Australia, 1939– 1943,” The Historical Journal (in Begutachtung als Teil der Special Issue: “The Refugee Political”: Changing Regimes of Citizenship, Property, and Collective Politics in Global History, ca. 1930-60”).
[19] Philipp Mayring, Einführung in die Sozialforschung (Beltz Verlagsgruppe Weinheim, 20025), 115.
[20] Sydney Morning Herald ,9.11.1938, p. 17.
[21] Ebd.
[22] Ebd.
[23] Ebd.
[24] Ebd.
[25] Sydney Morning Herald, 2.12.1938, p. 11.
[26] Ebd.
[27] Streicher war schon früh in der NSDAP aktiv, gründete die Wochenzeitung „der Stürmer“ und war ab 1933 Leiter des „Zentralkomitees zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“. Vgl. Stefan Kuhn, „Julius Streicher 1885-1946,“ Deutsches Historisches Museum Berlin(2014): https://www.dhm.de/lemo/biografie/julius-streicher 20.04.25.
[28] Sydney Morning Herald, 2.12.1938, p. 11.
[29] West Australian, 17.11.1938, p. 19.
[30] Ebd.
[31] Ebd.
[32] Daily News, 14.02.1939, p. 5.
[33] Ebd.
[34] Ebd.
[35] Ebd.
[36] Ebd.
[37] Ebd.
[38] Ebd.
[39] Sun, 8.11.1938, p. 5.
[40] Ebd.
[41] Ebd.
[42] Ebd.
[43] Ebd.
[44] Ebd.
[45] Ebd.
[46] Argus, 11.11.1938, p. 1.
[47] Ebd.
[48] The Age, 21.11.1938, p. 11.
[49] Ebd.
[50] Daily Telegraph, 15.02.1939, p. 3.
[51] Ebd.
[52] The Sun, 20. 01.1939, p. 4.
[53] Sydney Morning Herald, 9.11.1938, p. 17.
[54] Ebd.
[55] Sun News-Pictorial, 10.11.1938, p. 16; “I shot not for hate but for the love of my parents whom the Nazis treated badly and also for the whole Jewish people“.
[56] The Sun, 8.11.1938, p. 5.
[57] Advertiser, 9.11.1938, p. 25.
[58] Sun, 8.11.1938, p. 5.
[59] Ebd.
[60] Vgl. Alan E. Steinweis, „The Trials of Herschel Grynszpan,” 471, 476-479.
[61] Maurus Michael Robert, “The strange story of Herschel Grynszpan,” In The Origins of Holocaust, ed. De Gruyter Saur (Berlin, Boston 2011), 601.
